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Der Lehrberuf ist aus meiner Sicht eine der anspruchsvollsten Tätigkeiten, die es gibt. Das sehen aber, außer Lehrkräften, leider nur sehr wenig Menschen so.  Da wünsche ich Ihnen wirklich, auch schöne Zeiten, bei Ihrer wertvollen Tätigkeit und Menschen, die das auch sehen und Ihnen auch Anerkennung geben.

Sie finden hier zahlreiche Anregungen damit Sie auswählen können, was Ihnen gefällt oder Sie überzeugt. Es umzusetzen kostet schon auch Zeit, damit will ich Sie wirklich nicht belasten. Es rentiert sich aber langfristig. Wenn Sie die Klassen nur zwei oder drei Monate hätten, wären die hier erwähnten Anregungen nicht nötig.

Für Fachlehrkräfte, die nur 2 Stunden / Lektionen pro Woche unterrichten, sind die Anregungen nur begrenzt umzusetzen. Eine wichtige Studie zeigt: Je weniger Zeit wir in einer Klasse sind, desto schwieriger das Unterrichten (Wettstein, Scherzinger, 2018). Weil viel Wichtiges kaum gelingen kann, z.B. auch, dass die Klassenregeln eingehalten werden.

Einen Schüler unsympathisch finden kommt leider oft vor, war bei mir sogar auch als Schulpsychologe so, als ich eine Lehrerin beraten habe. Sie rief mich an und berichtete mir, dass Kira mit dem Stuhl wackelte. Sie sagte ihr, „Kira, hör bitte auf mit wackeln“. Gut gemacht. Da rief aber Kira, „sagen Sie doch dem Stuhl, er soll mit Wackeln aufhören“. Als ich das hörte, war ich darüber richtig verärgert, sogar längere Zeit.  Obwohl ich Kira noch nie gesehen hatte, weil ich noch nie in dieser Klasse war.

Klar, ich hatte Glück, dass ich nicht ihr Lehrer war und nicht schon am nächsten Tag wieder in diese Klasse musste. Verärgert wie ich war, hätte ich es nicht geschafft, ihr gegenüber ruhig und freundlich aufzutreten, wenn sie wieder mit ihrem Stuhl wackelt. Das hätte sehr wahrscheinlich dazu geführt, dass ich dann bald wieder emotional und laut aus großer Entfernung interveniert hätte. Das hätte Kira geärgert und sie hätte mich nur noch unsympathisch gefunden. Dann hätte sie mehr gestört und meine Anweisungen immer weniger befolgt. Das hätte mich weiter geärgert und ich hätte schon bald wieder emotional interveniert.

Wichtige Studien zeigen:

– Das hätte zu einer negativen Beziehungsdynamik zwischen Kira und mir geführt (Brophy, 2004).

– Wenn ein Schüler grob ermahnt wird, z.B. bei älteren Schülern aus großer Entfernung laut und verärgert, entstehen negative Emotionen, Ärger, sich gekränkt fühlen, usw. (Wettstein 2018).

– Aber viele der NICHT ermahnten Mit-Schüler erleben das auch so (Wettstein 2018). Risiko: Sie können uns auch nicht mehr leiden. Man verliert Autorität und positives Ansehen. Jetzt wird unterrichten deutlich anstrengender und stressiger.

Ein weiteres Risiko besteht darin, dass viele Schüler ihren Eltern davon berichten, wenn sie etwas in der Schule geärgert hat. Jetzt besteht das Risiko, dass das die Eltern auch ärgert und sie uns kritisieren oder beleidigen usw. Jetzt hilft gut:

Negative Emotionen gegenüber Schülern zulassen, statt verdrängen.

Das bietet eine wichtige Chance: Nämlich diese zu bearbeiten und abzuschwächen! Z.B. durch:

– Putting feelings into words: Z.B. sich mit einer Fachperson oder einer Kollegin aussprechen. Es sollte aber eine Kollegin sein, die mit dem Schüler gut klarkommt und ihn sympathisch findet. Fühlt sie sich von ihm auch genervt, kann es sein, dass wir uns z.B. darüber einigen, dass der Schüler ein frecher Kerl ist. Das stärkt die negativen Emotionen ihm gegenüber.

– Das Verhalten des Schülers nicht persönlich nehmen:

Versuchen sein Verhalten beziehungs-förderlich zu interpretieren. Z.B. wenn ein Schüler immer mal wieder durch XY stört. Statt das zu interpretieren, «warum nervt der mich dauernd mit XY – wie blöd von dem».

Z.B. sich klar machen, er kann es nicht besser, z.B. wegen einer Diagnose. Oder, weil er in der Schule oft genervt ist, z.B. wegen schlechten Noten. Oder weil ihn seine familiäre Situation sehr belastet, weil sich seine Eltern oft über ihn ärgern und dann unangemessen reagieren (Petermann et. al., 2016). Dann kann es sein, dass er in der Schule öfters verärgert reagiert. Oder weil er Konflikte mit Mitschülern hat oder sich von ihnen sehr geärgert fühlt.

Unangemessenes Verhalten z.B. bei jüngeren Schülern interpretieren, «Kids do well, if they can» (Green, 2014).

– Immer mal wieder darauf achten, ob er es schon ein bisschen besser macht, bzw. was er gut macht, z.B. er ist freundlich gegenüber einem Mitschüler. Hilfreich ist, wenn das alle Lehrpersonen dieser Klasse machen. Dann sich zusammen darüber austauschen, was er schon besser macht, was eine positivere Haltung ihm gegenüber fördert.

– Auf ihn zugehen, statt ihm aus dem Weg gehen. Zum Beispiel ihn auch auf das ansprechen, was ihn ausserhalb der Schule sehr begeistert, z.B. sein Hobby. Oder er ist Fan von einem Fussballclub. Dann ihn darauf ansprechen. Da redet er dann ja gerne drüber.

Lösungsorientiert vorgehen (Eichhorn, 2025).

Darauf achten, ob er sein Problemverhalten XY schon mal ein bisschen besser macht. Das bietet folgende Möglichkeiten:

– Ihm zeitnah Anerkennung geben.

– Auf Positives zurückkommen: Am nächsten Morgen sagen, «Toll Dario, gestern ist es dir gelungen, XY schon besser zu machen, war prima.» Oder: «Dario, weisst du noch gestern?» Kleine Pause, «da ist dir schon gelungen, XY besser zu machen – war prima!» Freundlich sprechen und ihn z.B. auch anlächeln.

– Mit einer Würdigung intervenieren: Damit rechnen, dass er wieder stört, weil es ihm schwerfällt, XY besser zu machen. Dann z.B. in seine Nähe gehen und freundlich leise sagen, «Dario, weisst du noch gestern? Da hast du ja XY schon besser gemacht – war toll! Mach es bitte wieder so!» 

–  Jetzt darauf achten, ob er es macht. Dann gleich wieder Anerkennung geben und am nächsten Tag wieder auf Positives zurückkommen. Z. B. sagen, «Wie toll von dir, Dario! Als ich dich gestern darum gebeten habe, XY besser zu machen, hast du das gleich gemacht. War echt klasse von dir!»

– Ihn freundlich zu einem Gespräch einladen. Ihn z.B. fragen «war das schwierig,» «wie ist dir das gelungen,» «welche Vorteile hat es für dich, wenn du das weiter schaffst» «was kann dir dabei helfen, besser zu werden,» und «ich helfe dir gerne dabei.»

– Die Akzeptanz der eigenen Interventionen fördern, z.B. «wie möchtest du, dass ich dich daran erinnere, es weiter besser zu machen, wenn es dir mal nicht gelingt?» Und «gell, Dario, XY besser zu machen ist schon anspruchsvoll. Da ist üblich, dass es nicht immer gleich gelingt, es besser zu machen. Mach, dir dann bitte keinen Stress, wenn das bei dir auch mal so ist.» Z.B. auch Verständnis zeigen (Pfister-Wiederkehr, 2019) «war bei mir auch mal so, als ich etwas Schwieriges umsetzen wollte!»

– Und ihm z.B. die Positive-Self-Monitoring-Tabelle (Eichhorn, 2025) überreichen.

Z.B. sagen, «Schau mal bitte Dario. Da habe ich etwas ganz Wichtiges für dich. Nämlich eine Tabelle auf der du eintragen kannst, wenn es dir wieder gelingt, XY besser zu machen.»

Datum Lektion«Toll, ich hab`s geschafft!  Es ist mir gelungen, XY besser zu machen, klasse!»Das hat mir dabei geholfen!
   
   
   

Erwähnen, dass die Spalte «das hat mir dabei geholfen» sehr schwer zu beantworten ist. Und dass das bei fast allen so ist, und «ich will dich damit wirklich nicht stressen. Aber wenn dir mal was einfällt, hilft dir das sehr!»

Eine weitere Chance ist, ihn um einen Gefallen zu bitten (Plevin, 2028) und ihm dann eine «Vielen-Dank-Karte» (Eichhorn, 2025) überreichen.

Fallbeispiel: Eine Lehrerin hat eine neue Klasse übernommen mit Roman, einem älteren Schüler mit früher sehr herausforderndem Verhalten. Kurz nach Beginn mit der neuen Klasse hat sie mit Roman darüber gesprochen wie hilfreich Bewegungsübungen sind und ihn gefragt, ob er eine solche Übung übernehmen möchte z.B. mit Musik, die ihm und der Klasse gefällt. Sie hat ihn gefragt, ob er Übungen kennt und ihm eine Body-Percussion vorgeschlagen. Und ihn bei ChatGPt (oder KI) nachschauen lassen, wie hilfreich die ist. Dann hat er zugestimmt, das zu machen. Dann hat sie ihn noch gefragt, mit welchen Mitschüler:innen er das gerne zusammen machen möchte.  Bald haben sie Body-Percussion, die allen gut gefiel, durchgeführt. Dann hat sie ihm die folgende Karte überreicht.

Vielen DANK, Roman !
TOLL, wie du das mit der Body-Percussion machst, Roman!  Das gefällt allen sehr gut. Damit hilfst du deinen Mitschülern, sich besser zu konzentrieren und sich wohler zu fühlen. Und du schaffst zusätzlich gute Stimmung in unserer Klasse. Das ist echt SUPER.  Vielen DANK für deine wertvolle Hilfe! Freut mich SEHR, wie du gut du mir hilfst!
Viele Grüsse

Den anderen, die da mitgemacht haben, geben wir auch Anerkennung.

Negative Emotionen gegenüber SuS möglichst früh zulassen, statt die erst zu verdrängen.

Je länger man sich über einen Schüler ärgert, umso stärker werden die negativen Emotionen ihm gegenüber. Die dann abzubauen ist dann extrem anspruchsvoll und kostet sehr viel Zeit und Energie. Denn es kann ja auch sein, dass er weiter stört. Das kann dann wieder zu negativen Gefühlen führen.

Weitere Anregungen in:  Eichhorn (2025): Eskalation im Unterricht:  Unterrichtsstörungen, Beleidigungen und Gewalt erfolgreich eingrenzen. Klett-Cotta, Stuttgart.

Literatur

– Greene, R. W. (2014): In der Schule verloren: Warum unsere Kinder mit Verhaltensstörungen durch die Ritzen fallen und wie wir ihnen helfen können. New York: Scribner, 2008, 2014. 

– Peterman, F., Döpfner, M., Görtz-Dorten, A. (2016): Ratgeber aggressives und oppositionelles Verhalten bei Kindern. 3. Aufl., Hogrefe-Verlag. Göttingen.

– Plevin, R. (2018): Connect With Your Students: How to Build Positive Teacher-Student Relationships

– Pfister-Wiederkehr, D. (2019): Beraten & Coachen: Lösungs- und kompetenzorientierte Bausteine. Norderstedt: BoD – Books on Demand. 

– The #1 Secret to Effective Classroom Management. Independently published.

– Wettstein, A., Scherzinger, M. (2018). Unterrichtsstörungen verstehen und wirksam vorbeugen. Kohlhammer. Stuttgart.